Die Standardaspekte des Parallelcurriculums: Beispiel Linné

Biologie-Unterricht: Linné’s Klassifikation der Arten

Nehmen wir an, im Biologie-Unterricht geht es um Linné und seine Klassifikation der Pflanzen.
Eine häufige Form des Unterrichts wäre: Lesen der Seite, Verständnissicherung gefolgt von fragend-entwickelnder Ausweitung der zentralen Informationen, Veranschaulichung mit Beispielen und abschließenden Übungen zur Klassifikation.

Linné hat die Pflanzen danach eingeteilt, ob sie Staub- (männliche Blütenteile) oder Fruchtblätter (weibliche Blütenteile) haben und nach deren Zahl, Verteilung und Anordnung. Mit Hilfe der Staubgefäße bestimmte er die Klasse der Pflanzen. Mit Hilfe der Griffel, also der weiblichen Blütenteile, die Ordnung. Darunter gibt es Gattungen und Arten. Die Namen der Pflanzen beginnen mit dem Ordnungsnamen gefolgt dem Namen der Art (so etwa in „Was ist Was?„).

Diese zentralen Informationen sind „umrissen/denotativ“: Sie stehen zunächst abgeschlossen für sich, wert- und kontextfrei,  wortwörtlich. Der wichtigste Schritt zur inneren Differenzierung ist die Öffnung des Umrissenen, seiner Umgebung und Verortung im Netzwerk der Informationen. Allerdings sollte diese Öffnung nicht in beliebige Richtungen gehen, sondern bestimmte, für den Unterricht produktive Segmente erschließen, in diesem Beispiel die vier Aspekte des Parallelcurriculums.

Sie führen auf diese Inhalte:

Tabellarische Übersicht

Im Detail

1. Standardaspekt – Die Basis des Wissens enthält das, was alle Differenzierungsgruppen in ihr Wissen aufnehmen und anwenden können sollen. Sie ist der gemeinsame Inhalt für die gesamte Stufe. In diesem Fall also die Kenntnis der Kriteriums: Es sind die Merkmale der Blüte, nach denen Linné eingeteilt hat. Für die Basis brauchen wir keinen erschließendes Kriterium, sondern halten uns an den wortwörtlichen (denotativen) Gehalt der Ausgangsinformation.
Didaktisch: Das Lernen der Kinder kann rezeptiv bleiben und verläuft dann auf einfachem Anspruchsniveau. Die Wissensbasis enthält die für die gesamte Gruppe curricular anzustrebenden Kompetenzen.

2. Standardaspekt – Verknüpfungen  greifen aus in das Netzwerk der Informationen, und zwar mit drei strukturell verschiedenen Verknüpfungen (logischen Relationen).
2.1 Über- und Unterordnungen. Linnés Klassifikation der Arten ist der intensiven biologischen Forschungsarbeit in der Zeit der Aufklärung zuzuordnen (Überordnung), zu der auch die Klassifikation der Tiere und Mineralien oder auch die Evolutionstheorie (Gleichordnung) gehört. Der Klassifikation der Pflanzen untergeordnet sind wissenschaftliche Kritiken/ Alternativen zu Linnés Einteilung – etwa Goethes naturwiss. Forschung.
Didaktisch: Hier würden die Kinder parallel zu der Klassifikation der Pflanzen weitere wissenschaftliche Systematisierungsbemühungen ansehen. Das Klassifizieren wird selbst zum Gegenstand. Diese Arbeit dient der wissenschaftspropädeutischen Kompetenz und erfordert Abstraktion und Genauigkeit. Sie führt daher auf ein gehobenes Anspruchsniveau.
2.2 Die zweite Verknüpfung von „Klassifikation der Pflanzen“ sucht nach dem Ganzen und seinen Teilen (Analyse und Synthese). Die Klassifikation der Pflanzen (das Ganze) umfasst als Teile ein Begriffssystem, das Einteilungskriterium, wiss. Methodik, eine Historie, im Prozess auch Forschungsgruppen, Publikationsbestände …
Didaktisch: Jeder „Teil“ der Analyse bietet Chancen für die Arbeit einer Gruppe. Das Anspruchsniveau ist in Abhängigkeit von dem jeweiligen „Teil“ verschieden, so dass hier eine Quelle von Vielfalt besteht. Wichtig ist, die Analyse, das Zerlegen, mit in die Arbeit der Kinder hineinzunehmen und am Schluss die Synthese – vom Teil zurück zu seinem Ganzen – nicht zu vergessen. Sonst entsteht in den Arbeitsgruppen abgespaltenes Wissen, das das Ziel eines gemeinsamen Gegenstandes für die Stufe verfehlt.
2.3 Die dritte Verknüpfung von „Klassifikation der Pflanzen“ folgt der Logik von Ursachen und  Auswirkungen. Ursache von Linnés Klassifikation der Pflanzen war (u.a. auch) die epochale Wende zur Aufklärung.
Auswirkungen von Linnés Klassifikation waren u.a.  Forschungsreisen, internationale Kommunikation zwischen Wissenschaftlern, Einrichtung von Lehrstühlen und staatliche Förderung von Forschung, damit auch ein Fortschritt der Wissenschaften und deren Nutzung für die Landwirtschaft.
Didaktisch: Auch hier bietet jede Auswirkung ein Differenzierungsthema, deren Anspruchsniveau entsprechend variiert. Und auch hier ist es wichtig, dass die Kinder das Zerlegen des Unterrichtsgegenstandes – hier in Ursache und Wirkungen – nachvollziehen und wieder zur Zusammenschau geführt werden. Die Einheit des Stufengegenstandes würde sonst zerstört. Der Aspekt führt auf ein gehobenes Anspruchsniveau.

3. Standardaspekt – Die wissenschaftliche Handlungsweisen von Linnés Klassifikation umfassen die Bestimmung von Kriterien für Zuordnung zu oder Abgrenzung von einer Art sowie die Anwendung der Kriterien bei Beispielen und praktischer Arbeit. Je nach Altersstufe können hier verschiedene Methoden der Beobachtung, des Prüfens, Experimentierens, Kritisierens – und vor allem der Anwendung zu konkreten Zwecken eingesetzt werden.
Die wissenschaftlichen Handlungsweisen sind auch Gegenstand der wissenschaftshistorischen Betrachtung (von Aristoteles bis zu Wegener). Auch unter diesem Aspekt können Gruppenthemen bestimmt und nach Anspruchsniveaus differenziert werden.
Didaktisch: Eine Differenzierungsgruppe würde z.B. die Klassifizierung der Rosengewächse durcharbeiten und das System von Ober- und Unterbegriffen auf Rhododendren übertragen (Transfer). – Zu diesem Aspekte gehört auch die wissenschaftshistorische Betrachtung. Vielen Kindern fällt es leicht, sich eine fachliche Fragestellung als Anliegen einer Person vorzustellen. Das Nachvollziehen des Findevorgangs in einer wissenschaftlichen Laufbahn verbindet diese Neigung sich zu identifizieren mit der Logik der Sache.
Unter der Aspekt der wissenschaftlichen Handlungsweise sind also besonders vielfältige Differenzierungen des Anspruchsniveaus möglich.

4. Standardaspekt – der Bezug zur Lebenswelt und Identität der Kinder  ist schließlich auf das subjektive Erleben der Kinder gerichtet. Das lebensweltliche Vorwissen der Kinder kommt Linnés Klassifikation nicht entgegen. Ihre Einteilung unterscheidet Obst und Gemüse von Kartoffeln und Reis, auch Blumen und Gräser von Bäumen und Sträuchern, Nadel- von Laubbäumen. Die Vorstellung jedoch, dass eine Erdbeerpflanze und ein Apfelbaum gemeinsam zu den Rosengewächsen gehören wird für sie befremdlich sein.
Wenn es um den praktischen Nutzen der Klassifikation für das eigene Leben geht, kann eine solche Diskrepanz überwunden werden. Je nach Altersstufe kann es dabei um Landwirtschaft, Ökologie, Pharmazie … gehen.
Zu diesem Aspekt gehören aber auch persönliches Interesse, berufliche Pläne, familiäre Erfahrungsfelder.
Didaktisch: Dissonanzen zwischen Anschauung und wissenschaftlicher Systematik können das Lernen blockieren und müssen aufgelöst werden. Darüber hinaus verbindet der lebensweltliche Bezug der Gegenstände den Unterricht mit Zielen der Kinder und bildet daher eine Basis für Motivation. Dieser Aspekt bietet Ansatzpunkte für alle Anspruchsniveaus.